Brasilien: Vier Alben mit Geschichte

Brasilien: Vier Alben mit Geschichte

Brasilianische Kulturgeschichte in vier Alben von Getz Gilberto, Chico Buarque, Racionais MCs und Linn da Quebrada.

[Beiträge erstmals ausgestrahlt im Ö1 Radiokolleg, September 2022]

Im September 2022 feiert Brasilien den 200. Jahrestag seiner Unabhängigkeit. In diesem Radiokolleg wird die wechselhafte Geschichte Brasiliens anhand von vier Alben und ihren jeweiligen Stilen aufgerollt werden: die Bossa Nova der späten 1950er Jahre und die anbrechende Moderne, Musica popular brasileira und ihr Widerstand gegen die Diktatur, Rap und der Mythos einer post-rassistischen Gesellschaft sowie Funk carioca und eine Geheimsprache von Trans-Personen in Brasilien am Vortag einer erzkonservativen Gegenrevolution.

1964 – Stan Getz & Joao Gilberto – Getz/ Gilberto

In Brasilien sind die 1960er Jahre angebrochen und Joao Gilberto fängt die neue Leichtigkeit ein, die an den Stränden von Rio de Janeiro in der Luft liegt, mit seinen neuen Flugzeugen, Fotokameras und fast endloser Freizeit. Eine Bossa Nova, buchstäblich eine neue Welle, vereint Samba mit Jazz. Man sucht in einer Zeit des Wirtschaftsbooms und kultureller Offenheit nach Sounds, die Modernität zum Ausdruck bringen und sich ins Ausland exportieren lassen. Die Welle ebbt 1964 schon fast wieder ab, als “Girl From Ipanema“ und das Album “Getz / Gilberto” erscheinen.

1971 – Chico Buarque – Construção

Música Popular Brasileira – besser bekannt als MPB – wird als Reaktion auf die brasilianische Diktatur geboren, Musikerinnen und Musiker werden damit zur Speerspitze der außerparlamentarischen Opposition. Stilistisch ist alles möglich, Folk, Samba, Rock, Schlager oder Protestlieder – während man sich gleichzeitig ganz bewusst auf nationale brasilianische Wurzeln zurückbesinnt. Rhythmisch und harmonisch wird viel experimentiert. Chico Buarques Album „Construcao“ gilt dabei es als eines der besten brasilianischen Alben aller Zeiten. Darauf vermengen sich symphonische, elektronische und traditionelle Elemente, während Buarque voll sublimer Untertöne die Diktatur kritisiert.

1997 – Racionais MCs – Sobrevivendo no Inferno

Obere und untere Schichten trennen im Brasilien der 1990er weiterhin Welten. Während Brasilien der Welthandelsorganisation beitritt und Soia, Eisenerz oder Öl exportiert, fehlen in manchen Vierteln Strom und Wasser. International sorgen Menschenrechtsverletzungen immer wieder für Schlagzeilen. Die Racionais kennen diese Welten, sie kennen die Sprache der Peripherie, sie kennen aber auch die Sprache der Bildungseliten, der Banken und Medien. Der zentrale Titel des Albums verarbeitet ein nationales Trauma. 1992 brechen in der größten Strafanstalt Südamerikas, dem völlig überfüllten Carandiru-Gefängnis im Norden von Sao Paulo, Kämpfe zwischen Insassen – der Großteil noch nicht verurteilt – aus. Der Komplex wird von der Militärpolizei mit Hunden und schweren Geschützen gestürmt. Die Polizei hat offene Rechnungen zu begleichen. 111 Insassen sind tot.

2017 – Linn da Quebrada – Pajubà

Als Linn de Quebrada das Album “Pajubà“ – benannt nach einer Geheimsprache, die sich in der LGBTQIA-Szene entwickelt hatte – veröffentlicht, ist Brasilien tief gespalten. Die Präsidentin wurde soeben gestürzt, um Ermittlungen gegen den staatlichen Ölkonzern zu verhindern. Die politische Rechte spricht von einer “Gender Ideologie“, die das Land zerstören würde, während in keinem anderen Land der Welt so viele Trans-Personen ermordet werden. Gleichzeitig demonstrieren in Sao Paulo jedes Jahr rund fünf Millionen Menschen auf der Pride Parade für Toleranz und Respekt. Zu ihrer künstlerischen Speerspitze gehört Linn da Quebrada. Damit belebt die Sängerin Funk Carioca, höchst tanzbare Musik, die im Lauf des Jahrtausends immer wieder euphorisch auf der Nordhalbkugel rezipiert wurde.

Interview-Partner:innen

Interview-Partner:innen sind bzw. O-Töne sind zu hören von Bryann McCann (Georgetown University, Kulturwissenschafter), Carolina Borges (Universität Wien, Tranlationswissenschafterin), Dennis Novaes (Universidade Federal de Rio de Janeiro, Anthropologe), Derek Pardue (Universität Aarhus, Kulturwissenschafter), Felipe Trotta (Universidade Federal Fluminense, Musikwissenschafter), Julio Mendivil (Universität Wien, Musikwissenschafter), Pedra Costa (Anthropologin, Performerin)

 

“Brasilien: Vier Alben mit Geschichte” wurde für Ö1 präsentiert von Angelika Lang.

[Beiträge erstmals ausgestrahlt im Ö1 Radiokolleg, September 2022]